Jetzt ist Hanau ein Hashtag

Es wäre übertrieben, würde ich Hanau als meine „Heimat“ bezeichnen. Ich bin in der Nähe aufgewachsen und zur Schule gegangen, meine Mutter lebte bis zu ihrem Tod in einem Hanauer Stadtteil, und ich selbst habe fünf Jahre dort gewohnt, bevor es mich ins Rheinland zog. Damals, es war 1992, habe ich Hanau kaum eine Träne nachgeweint. Aber jetzt weine ich, denn jetzt hat Hanau nicht nur einen Hashtag. Jetzt ist #hanau selbst ein trauriger Hashtag.

Eine Kleinstadt mitten in Deutschland, im Speckgürtel von Frankfurt. Wenig ansehnlich war sie, jedenfalls zu meiner Zeit. Seit 1945 war das so, denn gegen Ende des Krieges wurde die schöne alte Geburtsstadt der Brüder Grimm von britischen Bombern fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht.

Hätte es damals schon Hashtags gegeben, wäre #wirschaffendas passend gewesen

Warum war das nochmal passiert? Ach ja, die Nazis… Seitdem herrschte, wie in so vielen deutschen Städten, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, vor allem Improvisation. Hätte es damals schon Hashtags gegeben, wäre #wiederaufbauinhanau“ passend gewesen. Oder #anpacken. Oder #wirschaffendas.

Vielfalt in Hanau

Mit „Fremden“ kannten sich die Hanauer*innen aus: Rund 35 000 amerikanische Gis waren hier einst stationiert, schwarze und weiße, aber auch welche mit asiatischen oder lateinamerikanischen Wurzeln.

Nach einem Austauschjahr in den USA wirkte ich bei einer „Christmas-Show“ in den Kasernen mit, um die Verbindung zu der amerikanischen Welt in mir aufrechtzuerhalten. Es herrschte ein friedliches Miteinander, in dem aber auch hin und wieder seitens der „Amis“ klargestellt wurde, wer den Krieg verloren hatte. Wer war noch gleich verantwortlich für diesen elenden Krieg? Ach ja, die Nazis…(!) #vielfalt wäre für Hanau schön gewesen.

In den letzten Jahren hat sich Hanau „gemacht“, wie man so sagt. Die ganze Innenstadt, die man guten Gewissens als heruntergekommen bezeichnen durfte, wurde umgestaltet, umgebaut, saniert. Nicht ohne Hindernisse, nicht ohne Protest, aber am Ende zum Wohle und im Sinne einer höheren Lebensqualität für alle Hanauer*innen. #vorbildlichestadtentwicklung wäre mehr als angemessen gewesen.

Die Afder der Gesellschaft bereiten den Weg

Rechtradikale würden in Deutschland nie wieder eine Chance haben. Dachte man.

Ich weiß, dass Rassismus in Deutschland nie verschwunden war, aber in den Achtzigern herrschte noch so ein Konsens, dessen Unverrückbarkeit für mich stets als sicher galt und mir das Vertrauen gab, dass es in meinem Leben niemals einen Krieg geben würde: Rassismus hat in unserer Gesellschaft nichts verloren. Nazis sind böse Menschen, denen man keinen Fingerbreit Raum geben darf für die Verbreitung ihres verfassungsfeindlichen Gedankenguts. Rechtradikale, so dachte man damals, würden in Deutschland nie wieder eine Chance haben. Dachte man. #hanau belehrt uns erneut eines Besseren. Rassismus macht sich breiter und breiter, rechte Parolen scheinen immer mehr Köpfe zu besetzen, kein Wunder, denn die Obersten Nazis, die braunen Afder der Gesellschaft, die Höckes, Gaulands und Weidels dieses Landes bereiten verbal den Weg für Rassisten, den diese dann mit einer Waffe in der Hand beschreiten. Jetzt in Hanau und davor in Halle und in Kassel.

Rechter Terror hat sich vor Offenheit und Mut gemogelt

Von den „bittersten, traurigsten Stunden, die diese Stadt in Friedenszeiten jemals erlebt hat“, sprach Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky nach dieser rassistischen Gräueltat. Der Fasching wurde abgesagt. #faschinghanau2020 wäre ein der Jahreszeit und der Fröhlichkeit der Stadt gemäßer Hashtag gewesen.

Jetzt ist Hanau selbst zum Hashtag geworden.

Aber nein. Stattdessen verbindet man Hanau nun mit einem rassistischen Anschlag, mit Toten, mit verzweifelten Angehörigen, mit einer Stadt im Ausnahmezustand. Vor #weltoffenheit, #zukunftsvisionen, #frohsinn, #mut #anpacken, #innovationsbereitschaft und #wirschaffendas hat sich rechter Terror gemogelt. Jetzt ist mir nach Weinen. Denn jetzt ist es #hanau, das um die Welt geht, jetzt hat Hanau nicht nur einen Hashtag, jetzt ist Hanau selbst zum Hashtag geworden. Reduziert auf rechtsradikalen Terror. Reduziert auf zehn abscheuliche Morde. Reduziert auf das Grauen. Und ich frage mich: Wie viele Städte und Orte wird es noch geben, die wir mit einer solchen Tat, mit einem solchen Schrecken in Verbindung bringen müssen? Welcher Hashtag wird sich einreihen in diese Liste?

Hanau steht zusammen

Auf der Website der Stadt Hanau ist der unmissverständliche Wille zu lesen, sich nicht spalten zu lassen und gemeinsam diese belastende und von Trauer erfüllte Zeit zu überstehen: #hanaustehtzusammen. Ein Kondolenzbuch liegt aus, E-Mails an zusammen@hanau.de werden den Kondolenzwünschen beigelegt.

Doch #hanau wird vermutlich im Gedächtnis bleiben als Ort des Grauens und der Trauer. Oder, wie meine Freundin mir schrieb: „Ich habe das Gefühl, der Name meines Geburtsorts ist auf ewig verbrannt.“

Autor: Textberaterin

Online-Redakteurin B.A., Expertin und Beraterin für Online-Kommunikation und Content-Marketing. Journalistin. Schöne Texte für Web und Print: Corporate Blog, Newsletter, Pressemitteilungen, Broschüren, E‐Books, White Paper, Unternehmenspublikationen; Testimonials/Porträts u.v.m.

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